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Neuauflage Churer Stadtinventar

Wozu ein Stadtinventar?
Das Churer Stadtinventar ist grundsätzlich nichts anderes als ein Verzeichnis des schützenswerten (nicht des geschützten!) Baubestandes: eine (nachvollziehbar begründete) Zusammenstellung der wichtigsten baukulturellen Zeugnisse auf dem Gebiet der Kantonshauptstadt. Inventare werden von ausgewiesenen ExpertInnen erarbeitet und geben ein fachliches Urteil wieder (> vgl. auch den Post zum Kantonalen Inventar). Die Auswahl der Objekte erfolgt nach klar definierten, sachlichen Kriterien und entsprechend unabhängig von Eigentumsverhältnissen, wirtschaftlichen Motiven oder allfälligen Planungsabsichten. Das Inventar ist eine Planungsgrundlage, kein rechtlich verbindliches Planungsinstrument! Der effektive, eigentümerverbindliche Schutz der im Inventar aufgelisteten potenziellen Schutzobjekte geschieht durch entsprechende Festlegungen in der kommunalen Grundordnung. Diese erfolgen unter Abwägung unterschiedlicher Interessen. Die Güterabwägung hat transparent zu sein. So ist fundiert und nachvollziehbar zu begründen, warum das öffentliche Interesse des Denkmalschutzes im Einzelfall weniger hoch gewichtet wird als ein anderes – privates oder öffentliches – Interesse.

Subjektive Auswahl des Stadtrats
Inventare sind nicht abschliessend, sie müssen regelmässig überprüft und bereinigt werden. Das erste Churer Stadtinventar erstellte Leza Dosch in den 1980er-Jahren. 2017/2018 wurde dieses von einer Fachgruppe im Auftrag der Stadt aktualisiert. Das Resultat dieser ExpertInnenenarbeit liegt in Form eines Schlussberichts vor; darin werden in einem Anhang 267 Inventarobjekte (= wertvolle Bauten und Baugruppen) aufgelistet.

Auf der Website der Stadt Chur wurde am 17. Dezember 2020 die «Aktualisierung des städtischen Inventars» angekündigt. Zwei Monate lang, vom 18. Dezember 2020 bis 18. Februar 2021, lag das aktualisierte städtische Inventar öffentlich auf. Irritierenderweise umfasste diese Auflage zwei Dokumente: zum einen den erwähnten Schlussbericht, allerdings ohne die zugehörigen ausführlichen Inventarblätter; zum anderen ein als Stadtinventar Chur 2020 Entwurf 16.12.2020 bezeichnetes Dokument. Letzteres enthält die erwähnten Inventarblätter, allerdings nicht deren 267, sondern bloss 242. Die Reduktion von 267 auf 242 Inventarobjekte geht offenbar auf eine Intervention des Stadtrats zurück. Als subjektive Auswahl des Stadtrates allerdings verliert das Inventar den Charakter eines fachspezifischen Dokuments und ist als Planungsgrundlage unbrauchbar!

Willkürliche Streichungen

Die unbegründeten und damit willkürlichen Streichungen des Stadtrats betreffen auffallend viele Bauten aus der jüngeren Vergangenheit, insbesondere solche im näheren Umkreis des Bahnhofs. So wurden 23 der 34 von den ExpertInnen inventarisierten Objekte aus der Zeit zwischen 1930 und 1990 nicht in den stadträtlichen Entwurf übernommen; von den übriggebliebenen elf Bauten sollen fünf mit der aus denkmalpflegerischer Sicht geradezu grotesken «Schutzempfehlung» versehen werden: «Kann abgebrochen und im gleichen Stil wiederaufgebaut werden»! Als ob der Abbruch eines Schutzobjekts nicht einem unwiederbringlichen Totalverlust gleichkäme.

Neben persönlichen Vorlieben bzw. Aversionen (gegenüber Bauten der jüngeren Vergangenheit) spielten bei den Streichungen des Stadtrats offenbar vor allem politische und wirtschaftlichen Überlegungen eine Rolle – ungeachtet des Umstands, dass politische und wirtschaftliche Einflussnahme die Glaubwürdigkeit eines Inventars grundlegend untergräbt. Ganz besonders deutlich wird dies im Falle des umstrittenen – und national geschützten – Gutshofs «zur Kante», der einem städtischen Strassenbauprojekt im Wege steht, und dessen sich der Stadtrat nun über eine unbegründete «Inventarentlassung» entledigen möchte.

Neuauflage nötig
Die Bürgerinnen und Bürger müssen im Hinblick auf die eigentümerverbindlichen Festlegungen der Schutzobjekte in der Grundordnung eine sachlich motivierte und keine intransparente politische Auswahl erwarten können. Dabei geht es letztlich auch um die Gleichbehandlung aller Besitzer von potenziellen Schutzobjekten.

Der Bündner Heimatschutz fordert, dass das Stadtinventar neu aufgelegt wird und zwar in der professionell erarbeiteten, unzensurierten Fassung des ExpertInnengremiums mitsamt aller originalen Inventarblätter. Die Mitwirkungsauflage im Hinblick auf die Revision der Grundordnung ist ordentlich aufzugleisen und die Interessenabwägung hinsichtlich der Festlegung von Schutzobjekten in einem Mitwirkungsbericht transparent und begründet darzulegen.

Die Stadt Chur beabsichtigt löblicherweise, die Funktion des Stadtarchitekten/der Stadtarchitektin wiederzubeleben. Es wäre ratsam, das Verfahren zurückzustellen, bis die Position kompetent besetzt ist und die betreffende Person ihre Stelle antritt und sich eingearbeitet hat. Dies hätte den zusätzlichen Vorteil, dass die (bislang nur teilweise inventarisierte) Churer Altstadt und die neuen Stadtgebiete Maladers und Haldenstein ins Inventar einbezogen werden könnten.

Zurück auf Feld eins

Das Stadtinventar betrifft wesentlich den Umgang mit unserem baukulturellen Erbe. Es ist wichtig, dass es als Fachverzeichnis anerkannt und als solches behandelt wird!

Der Bündner Heimatschutz – und mit ihm die Bündner Ortsgruppen/Sektionen der Fachverbände SIA, BSA, SWB und visarte –  kritisieren das Vorgehen der Stadt Chur bei der Neuauflage des Stadtinventars scharf. Ein auf fachlichen Kriterien fussendes und von ExpertInnen erarbeitetes Verzeichnis des schutzwürdigen Baubestandes wird durch unsachliche Eingriffe seitens des Stadtrats willkürlich verändert. Letztlich bleibt unklar, wozu die Auflage eigentlich dient.

> Stellungnahme des BHS zur öffentlichen Auflage des Stadtinventars vom 17. Februar 2021

> Medienmitteilung BHS, BSA, SIA, SWB und visarte

> Stellungnahme BSA Ortsgruppe Zürich Aargau Glarus Graubünden