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Sorge um Kircheninterieur in Schiers

Die reformierte Kirche St. Johann in Schiers wurde kurz vor Annahme der Reformation im Prättigau zwischen 1519 und 1522 als katholische Kirche mit rechteckigem Langhaus und dreiseitig geschlossenem Altarraum erbaut. Der Chor verfügt noch heute über das ursprüngliche spätgotische Netzgewölbe. Das bauzeitliche Gewölbe des Schiffs wurde während des Prättigauer Aufstandes 1622 durch eine Pulverexplosion zerstört. Die um 1641 wiederaufgebaute Deckenkonstruktion wiederum wurde beim Dorfbrand 1767 beschädigt und im Jahr darauf im Sinne des Barocks durch eine stichbogige, mit stuckierten Rokoko-Kartuschen verzierte Gipsdecke ersetzt. Aus der gleichen Zeit stammen auch die hohen stichbogigen Fenster, die den Sakralbau erhellen.

Heimatstil-Interieur von Nicolaus Hartmann jun.
Eine markante Veränderung der Raumdisposition brachte die Kirchenrenovation im Jahre 1928, für die der St. Moritzer Architekt Nicolaus Hartmann jun. verantwortlich zeichnete. Ihr verdankt sich der grösste Teil der heute vorhandenen Innenausstattung umfassend die Holzleistendecke über dem Schiff mit ihrem charakteristischen kleeblattförmigen Querschnitt, den Holzboden, das Brusttäfer, die hölzerne Empore an der Südwand, die Kirchenbänke wie auch die hölzernen Hängeleuchter und Lampen. Zum Hartmann’schen Interieur gehört auch der monumentale Orgelprospekt, der eine pneumatische Orgel von 1926 umfasst, die zu den letzten grösseren romantischen Orgeln im Kanton gehört. Der Orgelprospekt dominiert den Chorraum, wo er in ein spannungsvolles Wechselspiel mit dem spätgotischen Steingewölbe tritt. Die Platzierung der Orgel in der Chorfront ist eine in jener Zeit für Graubünden nicht unübliche, kirchenhistorisch bedeutsame Lösung, wie auch das bekannte Beispiel der evangelischen Pfarrkirche St. Martin in Chur zeigt. Sie gründet auf den Empfehlungen des Wiesbadner Programms von 1891, einem von mehreren deutschen Regulativen für lutherische Bauten, welche den reformierten Kirchenbau der Schweiz damals stark beeinflussten. Demnach sollten Orgel- und Sängertribüne im Angesicht der Gemeinde angeordnet werden.

Baudenkmal ohne Schutzstatus
Bei der reformierten Kirche von Schiers handelt es sich zweifellos um ein Baudenkmal von regionalem Rang. Dass sie unter keinerlei Schutz steht, vermag sogar im wenig schutzfreudigen Kanton Graubünden zu erstaunen. Potentiell schutzwürdig ist auch das als Gesamtkunstwerk konzipierte Hartmann’sche Interieur, das den Bau im Innern seit bald hundert Jahren massgeblich prägt. Hartmann war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der profiliertesten und einflussreichsten Architekten Graubündens. Seiner Ausstattung der Schierser Kirche ist als Beispiel eines integral erhaltenen Kircheninterieurs des Heimatstils von hoher gestalterischer Qualität besondere Beachtung zu schenken.

Chororgel soll verschwinden
Am 6. Juni 2019 stimmten die Mitglieder der Schierser Kirchgemeinde über zwei Varianten der anstehenden Kirchenrenovation ab. Eine kleine Mehrheit entschied zugunsten der Variante «Neugestaltung», die den Rückbau der alten Orgel samt Orgelprospekt vorsieht. Die historische pneumatische Chororgel – einem orgelbaulichen Gutachten zufolge eine gut erhaltene Rarität von grosser Klangqualität – soll durch eine neue Orgel mit mechanischer Traktur ersetzt und an einem andern Ort im Kirchenraum aufgestellt werden. Damit liesse sich, so die Argumentation, der Lichteinlass in die Kirche optimieren, das Heizsystem verbessern und vor allem die Nutzung des Chores freier gestalten, was der gegenwärtig beliebten Idee einer «offenen Kirche» entgegenkommt. Es fragt sich allerdings: Dürfen die Nutzungsinteressen in diesem Fall so bedenkenlos über die Schutzinteressen gestellt werden? 
Der Orgelprospekt ist integraler Bestandteil des innenarchitektonischen Konzeptes von Nicolaus Hartmann jun. Entsprechend würde der Abbruch des markanten Gehäuses einen empfindlichen Eingriff in die historische Raumfassung darstellen. Die Festlegung eines solch gravierenden Eingriffs ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt aus denkmalpflegerischer Sicht nicht zu verantworten, weil die für einen solchen Entscheid notwendigen Grundlagen noch ausstehen.

Gutachten als notwendige Grundlage eines Renovationskonzeptes
So gilt es, die fachmännische Begutachtung des architekturhistorischen Werts der als Gesamtkunstwerk konzipierten Hartmann‘schen Innenraumgestaltung abzuwarten, die gegenwärtig im Auftrag der kantonalen Denkmalpflege erarbeitet wird. Die Expertise wird im August 2019 vorliegen. Es geht darum, begründet festzuhalten, ob und warum das in der Schierser Kirche vorhandene Heimatstil-Interieur schutzwürdig ist. Sollte sich die Schutzvermutung bestätigen, hätte dies Konsequenzen für das ganze Renovationskonzept, denn dann wären alle Bestandteile des Heimatstil-Interieurs zu respektieren und entsprechend zu erhalten. Willkürlich gewisse Teile eines Denkmals zu entfernen, weil’s im Moment gerade opportun erscheint, ist aus denkmalpflegerischer Sicht unhaltbar. Vielmehr sind die Renovationsmassnahmen auf das Resultat der Expertise abzustimmen. 

Antrag auf Unterschutzstellung
Um ein koordiniertes Verfahren sicherzustellen, das der potentiellen Schutzwürdigkeit des Objekts Rechnung trägt, hat der Bündner Heimatschutz die Bündner Regierung am 18. Juni 2019 um eine vorsorgliche Unterschutzstellung der reformierten Kirche St. Johann in Schiers ersucht. Sollte sich die Schutzvermutung betreffend das Kircheninterieur bestätigen, wäre die Kirche definitiv unter kantonalen Schutz zu stellen. Damit, und nur damit, wäre gewährleistet, dass die kantonale Denkmalpflege die Einhaltung der denkmalpflegerischen Anliegen effektiv einfordern kann.

Gesamtkunstwerk

Nicolaus Hartmann jun. hat die Innenausstattung der Schierser Kirche als Gesamtkunstwerk konzipiert. Im Nachlass des Architekten im Staatsarchiv Graubünden lagern seine Pläne für die Kirchenrenovation von 1928. 

Kirche gehört unter Schutz

Am 18. Juni 2019 hat der Bündner Heimatschutz die Bündner Regierung ersucht, Massnahmen für eine vorsorgliche Unterschutzstellung der reformierten Kirche St. Johann in Schiers gemäss Art. 27 KNHG einzuleiten.

>Unterschutzstellungsantrag

>Bericht SRF, Regionaljournal

>Berichte Bündner Tagblatt

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