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Den Mulegnser «Löwen» retten

Mulegns ist mit seinen gegenwärtig noch 19 Einwohnern der Extremfall eines von Abwanderung betroffenen Dorfes. 2010 hat der Bündner Heimatschutz beschlossen, sich für die Zukunft des Dörfchens inmitten des Oberhalbsteins zu engagieren. Mulegns verfügt über eines der am besten erhaltenen Ortsbilder Graubündens und mit dem Hotel «Löwe» über einen architektur- und wirtschaftsgeschichtlich überaus wertvollen Bau, für dessen Rettung es sich einzusetzen lohnt.

Der «Löwe» stammt aus der Frühzeit des Bündner Fremdenverkehrs. Sein Bau im Jahr 1870 steht im Zusammenhang mit der damaligen Funktion von Mulegns als Pferdewechselstation des Postkutschenbetriebs zwischen Chur und dem Engadin. Heute träumt der «Löwe» nur mehr vom Glanz vergangener Tage. Dass sich die Investitionen in den letzten Jahrzehnten auf ein Minimum beschränkten, ist aus denkmalpflegerischer Sicht als Glücksfall zu werten – denn damit blieb der Bau vor tiefgreifenden zerstörerischen Eingriffen verschont. So hat das Gebäude wie kaum ein anderes Gasthaus aus den Anfängen des Hotelbaus in Graubünden einen hohen Grad an Authentizität bewahrt. Erhalten ist nicht nur die originale Grundstruktur sondern auch ein überraschend grosser Teil der ursprünglichen Ausstattung inklusive Mobiliar. Fachgerecht restauriert liesse sich dieses bedeutende Kulturdenkmal als historisches Hotel wiederbeleben. Die Rettung des Hauses, dessen «gute Seele» Donata Willi schon seit geraumer Zeit in den wohlverdienten Ruhestand treten möchte, ist wesentlich für den Fortbestand des Dorfes.

2010 lancierte der Bündner Heimatschutz für das Hotel «Löwe» eine >Nutzungstudie, um die Kosten einer denkmalgerechten Renovation des Gebäudes auszuloten. Das mit der Aufgabe betraute Ilanzer Architekturbüro Capaul & Blumenthal veranschlagte für die gesamthafte Instandstellung des Hauses rund sieben Millionen Franken.

2012 veranlasste der Bündner Heimatschutz eine Notsicherung des schadhaften Daches über dem von Nicolaus Hartmann sen. entworfenen Anbau von 1897. Diese dringend notwendige Massnahme wurde auf unsere Vermittlung hin vom Schweizer Heimatschutzes und der kantonalen Denkmalpflege finanziell unterstützt. Damit konnten die vollständig original erhaltenen Gästezimmer im obersten Geschoss des Erweiterungstraktes vor der drohenden Zerstörung bewahrt werden. Im selben Jahr liess der Bündner Heimatschutz eine wissenschaftlich fundierte Studie über das Hotel und dessen Geschichte erarbeiten (>pdf).

Die im Zuge der heimatschützerischen Bemühungen erfolgten Anläufe Dritter, die Rettung des «Löwen» an die Hand zu nehmen, verliefen alle im Sand. Hoffnung stellte sich erst wieder ein, als das >Kulturfestival Origen sich der Sache annahm. Anlässlich der >Wakkerpreis-Vergabe im Sommer 2018 gab die in der Talschaft beheimatete Kulturinstitution mit nationaler Ausstrahlung bekannt, den wertvollen Komplex mit Hotelbau samt Anbauten, einem hauseigenen Elektrizitätswerk, Posthaus, Pferdeställen und der alte Schmiede als wichtigen Zeitzeugen aus der Pionierzeit des Bündner Fremdenverkehrs für die Nachwelt erhalten zu wollen. In einem >ersten Schritt sollen Mittel für die dringendsten Sicherungsmassnahmen, für den Ankauf, für Dokumentation, Forschung, Planung und Finanzierung aufgebracht werden. Für diese bis ins Jahr 2020 dauernden Phase sind 2.2 Millionen Franken budgetiert, die über grosse Stiftungen, politische Partner und private Förderer generiert werden müssen. Der Bündner Heimatschutz unterstützt diese Bemühungen mit einem symbolischen Betrag von Fr. 2000.-. Innerhalb einer weiteren Etappe ist ein «Fünf-Säulen-Konzept» angedacht. Entstehen sollen ein Ausstellungs-, ein Veranstaltungs-, ein Hotel- und ein Restaurationsbetrieb mit Räumen für grosse und festliche Anlässe von privater Seite. Mulegns soll sich nach den Vorstellungen als Ort des Reisens positionieren und so den Tourismus inhaltsvoll fördern.

Impressionen

Publikation

In einer umfangreichen Studie hat die Kunsthistorikerin Ludmila Seifert den «Löwen» in seinem historischen, architekturgeschichtlichen und städtebaulichen Kontext gewürdigt (>pdf).