Drucken

ISOS: Segen oder Fluch?

Lange Zeit vernachlässigt und als irrelevant abgetan, ist das >ISOS seit dem wegweisenden Bundesgerichtsentscheid Rüti von 2009 in aller Munde – wie ein Schreckgespenst geistert es seither durch die Amtsstuben der Gemeinden und sorgt für Verunsicherung und Unmut. Viele sehen in ihm ein Instrument, um das Bauen zu behindern. Doch die Aufregung ist nicht angebracht. Denn richtig angewandt verhindert das ISOS nicht, sondern hilft, die Qualitäten des Bestehenden zu bewahren und zu stärken und so zu einer guten Weiterentwicklung unseres Lebensraums beizutragen. Angesichts der raumplanerischen Herausforderungen unserer Zeit - der baulichen >Verdichtung, der steigenden Mobilität und der Energiestrategie – kann man sich glücklich schätzen, ein Planungsinstrument wie das ISOS zur Hand zu haben! Denn es ist ein wertvolles Werkzeug, das hilft, Bedeutung, Struktur und Geschichte eines Ortes richtig zu verstehen.

Das Kürzel ISOS steht für das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung der Schweiz. Seine Entstehung reicht an den Anfang der 1970er-Jahre, als der Bundesrat in Erfüllung von Art. 5 des Natur- und Heimatschutzgesetzes NHG entschied, schweizweit die wertvollen Ortsbilder benennen und qualifizieren zu lassen. Über vier Jahrzehnte hinweg wurden daraufhin 6000 Siedlungen anhand einer eigens entwickelten Methode untersucht und dokumentiert. Heute umfasst das ISOS 1274 Objekte. Damit sind rund ein Fünftel aller Siedlungen der Schweiz im ISOS verzeichnet – also von nationaler Bedeutung.

Dass ein Land sämtliche seiner Siedlungen nach einem einheitlichen Massstab untersucht und bewertet, das ist weltweit einzigartig. In diesem Sinne ist das ISOS eine riesige Leistung und mithin ein Kulturgut von unschätzbarem Wert. Das ISOS hat sich im Lauf der Bearbeitung zu einem immensen nationalen Wissensspeicher entwickelt, wo die Informationen und Erkenntnisse zu unseren Siedlungsbildern zusammengetragen und geordnet sind.

Durch die Aufnahme eines Ortsbildes in das ISOS wird dargetan, dass es in besonderem Masse Schutz verdient: Eine Abweichung vom ungeschmälerten Erhalt darf nur in Erwägung gezogen werden, wenn der geplante Eingriff ein gleiches oder höherwertiges Interesse von nationaler Bedeutung hat. Ist dies erfüllt, findet eine Interessenabwägung statt. Unmittelbar rechtsverbindlich ist das ISOS allerdings nur bei sogenannten Bundesaufgaben. Auf kantonaler und kommunaler Ebene entfaltet es mittelbare Wirkung: Denn die Kantone und Gemeinden haben bei der Erstellung von Richt- und Nutzungsplänen das ISOS zu berücksichtigen – das hielt das Bundesgerichtsurteil Rüti unmissverständlich fest. Das Bundesamt für Kultur hat im Nachgang zu Rüti einen >Leitfaden ausgearbeitet, der Auskunft darüber gibt, wie dies konkret geschehen kann.

Für Graubünden listet das ISOS 114 Objekte auf. Die Aufnahmen stammen aus den 1980er-Jahren und sind entsprechend veraltet, zumal das ISOS bei den Ortsplanungen der letzten Jahrzehnte in der Regel unberücksichtigt blieb. Gegenwärtig wird das ISOS in Graubünden in Etappen revidiert. Eine Teil des ISOS GR soll 2020 in einer überarbeiteten Fassung vorliegen.

Das ISOS ist immer wieder heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Aktuell sind verschiedene parlamentarische Vorstösse hängig, die das ISOS marginalisieren wollen. Zusätzlich steht eine fragwürdige Revision des NHG zur Diskussion. Der Heimatschutz ist gefordert, diese Demontage des in der Verfassung verankerten Heimatschutzes zu verhindern (>mehr).

Kulturgut ISOS

Anlässlich einer vom Bundesamt für Kultur organisierten ISOS-Matinée im Rahmen der Wakkerpreisvergabe am 18. August 2018 in Riom sprach Ludmila Seifert, Geschäftsführerin des Bündner Heimatschutzes, über den Wert des ISOS (>mehr).

Identität pflegen

Unter dem Titel «Identität pflegen» gab die Zeitschrift Hochparterre im August 2017 ein Themenheft zum ISOS heraus (>mehr).

Inventarlandschaft

Wissenswertes über die schweizerische Inventarlandschaft finden Sie in Heft 3/2012 der Zeitschrift Heimatschutz/Patrimoine (>mehr).

Historisches übers ISOS

Zur Geschichte des ISOS lesen Sie den Beitrag von Patrick Schoeck-Ritschard, stv. Geschäftsleiter des Schweizer Heimatschutz, in Heft 4/2016 der Zeitschrift Heimatschutz/Patrimoine (>pdf).

ISOS kompakt

Bestellen Sie das Faltblatt zum ISOS von Alliance Patrimoine kostenlos beim Schweizer Heimatschutz (>mehr).