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Öffentlicher Raum in Riom

Seit Jahren macht das >Theaterfestival Origen mit eigenwillig-spektakulären Theater-Aktionen von sich reden. Origen verfolgt einen umfassenden Ansatz, der das Theatermachen im spezifisch regionalen Kontext verankert. An seinem Stammsitz Riom mietet oder übernimmt das Theaterunternehmen bestehende Bauwerke, nutzt sie für seine Zwecke um und haucht ihnen neues Leben ein. Doch der baukulturelle Anspruch von Origen bzw. dessen Intendanten Giovanni Netzer geht weit über die blosse Aneignung alter, leerstehender Gebäude hinaus. In Riom ist Origen zum Antrieb einer eigentlichen «Dorferneuerung» geworden. Für seine diesbezüglichen Bemühungen wurde der Nova Fundaziun Origen 2018 der renommierte >Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes verliehen

Riom mit seinen rund 200 Einwohnern kämpft mit den typischen Problemen eines peripher gelegenen Bergdorfes in der «alpinen Brache»: Es ist betroffen von Abwanderung der Jugend, einer Überalterung der Dorfbevölkerung und schwachen Wirtschaftsstrukturen. Die Landwirtschaft, einst bei weitem der wichtigste Wirtschaftszeig, ernährt nur noch einen Bruchteil der Bevölkerung. Auswärts arbeiten ist die Normalität. Viele Häuser werden nur sporadisch benutzt oder stehen leer. Seit der Gemeindefusion gibt es keine Post mehr, der Schulunterricht wurde ausgelagert, die öffentliche Verwaltung ebenso.

Orte wie Riom sind in den seltensten Fällen in der Lage, aus eigener Kraft das Steuer umzureissen. Umso wichtiger ist es, zugkräftige Motoren zu stärken, wo es solche gibt. Mit Origen hat Riom einen Motor erhalten, der die Kraft besitzt, dem ehemaligen Bauerndorf eine neue Perspektive zu geben. Ein Motor zudem, der aus dem Vorhandenen schöpft und so die identitätsstiftende Basis nicht zu zerstören droht.

Origen verfolgt das Ziel, das abseits der Durchgangsstrasse gelegene und von Touristen vernachlässigte Dorf Riom zu einem Anziehungspunkt zu machen: einem Ort, der zum Anhalten, Verweilen und zum Bleiben einlädt; Einheimische wie auch Besucher und besonders auch die wachsende Zahl der Origen-Mitarbeiter, die in der Region nach Wohnraum sucht.

Mit der Ausstellung «Riom gestalten», die während der Sommermonate 2017 und 2018 vor Ort gezeigt wurde, haben der Bündner Heimatschutz und Origen es unternommen, für die vorhandenen Werte zu sensibilisieren und zu einer Auseinandersetzung mit dem gebauten Erbe und dessen Zukunft anzuregen. Entstanden ist ein baukulturelles Porträt des kleinen, beschaulichen Bergdorfes und ein Gang durch dessen Geschichte – ein auf Schaltafeln gedrucktes Buch in neun Kapiteln, das dem Charakter des Dorfes nachspürt und in seiner historischen Bedeutung verortet. Die Ausstellung bildete die Grundlage für eine von Origen und dem Bündner Heimatschutz lancierten Gestaltungsstudie über den öffentlichen Raum. Wie lassen sich die vorhandenen Freiräume im Dorf zu guten, dialogstiftenden Orten machen, wo sich alte und neue Bevölkerungs- und Nutzergruppen einander gegenseitig annähern können? Aufbauend auf einer Analyse der Situation wurden für die neuralgischen Punkte mögliche Lösungsansätze skizziert. Die Gestaltungsstudie bildet einen wichtigen Baustein in Origens breit angelegtem Nachdenken über Riom als dem Hauptsitz eines weit über die Region hinausstrahlenden Theaterfestivals.

Gestaltungsstudie

Im Auftrag des Bündner Heimatschutzes und Origen haben die Landschaftsarchitekten Sibylle Aubort und Roland Raderschall zusammen mit dem Architekten Men Duri Arquint Gestaltungsvorschläge für drei wichtige Freiräume in Riom erarbeitet (>pdf).

Der grosse Dorfplatz von Riom ist einer der neuralgischen Punkte, für welche die Gestaltungsstudie eine gestalterische Aufwertung vorschlägt.

> Baublatt, 27. Oktober 2017