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Skandalöser Abbruch in Leis ob Vals

Der Weiler Leis ob Vals umfasst neben einer barocken Kapelle rund ein Dutzend Häuser, darunter auch die drei berühmten Strickbauten von Peter Zumthor. Der südliche Dorfrand war bis vor Kurzem von einem historischen Gebäude geprägt, das im Voksmund als «Oberhus» oder «Hansjörisch Hus» kursierte: Ein Bauernhaus, das 1781 zum damals üblichen Doppelhaus erweitert wurde und ausserordentlich viel seiner barocken Substanz ins 21. Jahrhundert hinübergerettet hat. Im Kern der Anlage steckten Teile, möglicherweise aus der Zeit des Übergangs vom Spätmittelalter in die Neuzeit und damit wichtige bauliche Zeugen aus der Frühzeit der dauerhaften Besiedlung des Tals (der Hof Leis wird 1537 erstmals erwähnt). Das Gebäude hatte einen hohen Seltenheitswert: Es gibt im ganzen Lugnez kaum mehr unberührte Häuser dieser Art. Durch seine exponierte Stellung am Rande des Weilers kommt ihm auch im Ortsbild von Leis eine hervorragende Bedeutung zu. Geradezu beispielhaft zeigt dieses Gebäude auf, wie man einst mit sehr beschränkten Mitteln mit einer äusserst schwierigen Topographie umzugehen verstand.

Im Januar 2017 hat der Steinbauunternehmer Pius Truffer als Eigentümer des leerstehenden Hauses bei der Gemeinde Vals ein Gesuch um Abbruch des wertvollen Bauwerks eingereicht, um an dessen Stelle einen >grotesk anmutenden Neubau mit Steinmantel errichten zu können. Im April 2018 wurde das Baugesuch zurückgezogen – nur um im Juni 2018 in leicht modifizierter Form neu aufgelegt zu werden. Wie aufs erste hat der Bündner Heimatschutz auch auf das zweite Baugesuch mit einer kritischen Stellungnahme reagiert. Moniert wurde einerseits die ortsuntypische Gestalt des Ersatzneubaus, vor allem aber der drohende Verlust des historischen Gebäudes selbst, bei dem es sich zweifellos um das eindrücklichste historische Haus auf Leis handelt.

In Sorge um den Verlust eines überregional bedeutenden Baudenkmals gelangte der Bündner Heimatschutz im September 2018 an die Regierung des Kantons mit der Bitte, Massnahmen für eine kantonale Unterschutzstellung des Gebäudes einzuleiten. Der Kanton hat in der Folge das Verfahren für eine allfällige vorsorgliche Unterschutzstellung des «Oberhus» aufgenommen. Gemeinde und Eigentümer bekamen vom Kanton die Möglichkeit zur Einreichung einer schriftlichen Stellungnahme, auch wurde ihnen die Erstreckung der Vernehmlassungsfrist bis 30.November 2018 gewährt.

Am Freitag, 23. November 2018 sprach sich die Gemeinde schriftlich gegen eine Unterschutzstellung aus, nur um am darauffolgenden Montag (26. November 2018) Truffers Gesuch für einen Abbruch des «Hansjörisch Hus» zu bewilligen und gleichzeitig die gegen das Bauprojekt hängigen Einsprachen abzulehnen. Bereits am Morgen des 28. November 2018 erschien der Eigentümer mit einem Angestelltentross auf Leis, um das Gebäude eigenhändig zu demolieren.

Mit diesem Vorgehen wurde das Unterschutzstellungverfahren des Kantons kalt unterlaufen. Zudem wurde den zur Beschwerde legitimierten Einsprechern die Möglichkeit genommen, eine aufschiebende Wirkung für die erteilte Baubewilligung zu erwirken. Mutwillig und während eines laufenden Verfahrens wurde hier ein Baudenkmal zerstört. Der Kanton verhielt sich in der Folge passiv. Der Bündner Heimatschutz hingegen gelangte mit einer Strafanzeige an die Staatsanwaltschaft. Im Übrigen hat der Nachbar beim Verwaltungsgericht eine Beschwerde eingereicht. Der Eingang dieser Verfahren ist offen. Das Baudenkmal hingegen ist für immer zerstört!

Ende Januar 2019 machte der für die Zerstörung verantwortliche Eigentümer seinen Plan publik, in den Valser Bergen «das erste Freilicht-Kunstmuseum weltweit» zu realisieren (>mehr).

Hoher Eigenwert

Das Oberhus vor dem Abbruch. Es gehörte zu den letzten authentisch erhaltenen Bauernhäusern im Lugnez.

Hoher Situationswert

Durch seine exponierte Stellung am Rande des Weilers kam dem Oberhus im Ortsbild von Leis eine hervorragende Bedeutung zu.

Mutwillige Zerstörung

In einem barbarischen Akt wurde das historische Gebäude am 28. November 2018 vom Eigentümer demoliert.

Auf der Roten Liste

Der Schweizer Heimatschutz hat den Fall «Oberhus»/«Hansjörisch Hus» auf die >Rote Liste gesetzt.