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Vom Umgang mit einem Baudenkmal

Die Auseinandersetzung mit Bauten der Nachkriegsmoderne gehört zu den zentralen Themen, welche die Architekturgeschichte und Denkmalpflege derzeit bewegen. Allgemein ist das Bewusstsein für die Schutzwürdigkeit und die Notwendigkeit eines behutsamen Umgangs mit den wertvollen Bauten aus den 1950er-, 60er- und frühen 70er-Jahren aber immer noch gering.

Trotz ihres landläufig schlechten Rufs: Qualitätsvolle Bauten der Nachkriegszeit tragen mit zu unserer Identität bei und verdienen die gleiche Beachtung und den gleichen Respekt wie die wertvollen Bauten früherer historischer Epochen. Entsprechend sollten sie auch möglichst authentisch als Dokumente ihrer Zeit überliefert werden. Die Realität sieht leider anders aus: Der Weiterbestand auch der wertvollen Bauten aus den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ist gefährdet, sei es durch Abbruch oder durch unreflektierte Neuerungen, etwa in Bezug auf energetischen Optimierungen: Statt die Bauwerke unter Berücksichtigung ihrer planerischen und gestalterischen Intentionen zu bewerten und sie in ihren konzeptionellen und baulichen Qualitäten zu bewahren, werden sie mit dogmatischen Vorgaben, sprich: Normen konfrontiert, die für Neubauten entwickelt worden sind. Nicht selten werden sie damit «zu Tode saniert».

Auch in Graubünden, namentlich in Chur, sind während des Baubooms der Nachkriegszeit architektonisch bedeutende Gebäude entstanden. Dazu gehört auch das Wohnheim der Bündner Kantonsschule, das sogenannte Konvikt, erbaut zwischen 1967 und 1969 nach Plänen des Architekten Otto Glaus, einem der profiliertesten Schweizer Architekten seiner Zeit.

Einem tibetanischen Kloster ähnlich «klebt» der in verschiedene hinter- und übereinander gestaffelte Flachdach-Trakte gegliederte gewaltige Sichtbeton-Komplex an einem schroff abfallenden Hang am südlichen Rand der Kantonshauptstadt. Alle Einzelheiten bis hin zu den eigens für das Gebäude entworfenen Möbeln wurden vom Architekten subtil aufeinander abgestimmt. Als seltenes Beispiel eines weitestgehend intakt erhaltenen Gesamtkunstwerks aus den 1960er-Jahren gehört das Konvikt schweizweit zu den herausragenden Zeugnissen der Nachkriegszeit.

Wie viele Baudenkmäler der jüngeren Zeit steht auch das Konvikt nicht unter Schutz. Der Erhalt des bis heute in seiner ursprünglichen Funktion genutzten, fraglos unterhaltsintensiven Gebäudes konnte daher nicht als Selbstverständlichkeit angenommen werden. Alarmiert von den kursierenden Abbruch-Gerüchten wurde der Bündner Heimatschutz aktiv. Als erstes galt es, für die Bedeutung des Gebäudes zu sensibilisieren und es in der breiten Öffentlichkeit und bei den politischen Verantwortungsträgern als Baudenkmal zu positionieren. 2013 lud der Heimatschutz ins Konvikt zu einer >Tagung, an der anerkannte Experten über den Wert von Bauten der Nachkriegszeit und über den denkmalgerechten Umgang mit dem architektonischen Erbe dieser Epoche referierten. Die Schleifung des Bauwerks war damit vom Tisch. Der im Anschluss an die Tagung beim Baudirektor deponierte Wunsch nach einer Unterschutzstellung des Gebäudes allerdings blieb unerfüllt.

2016 lobte der Kanton für die Instandsetzung des Konvikts einen selektiven Gesamtleistungswettbewerb aus. Der Bündner Heimatschutz kritisierte das Programm, da dieses die denkmalpflegerischen Aspekte zu wenig berücksichtigte. So fehlte ein Gutachten zur Schutzwürdigkeit des Bauwerks mit einem detaillierten Inventar sowie der Definition des Schutzziels und des Schutzumfangs als Grundlage zur Formulierung des Wettbewerbsprogramms. Statt das Baudenkmal vorgängig seiner Renovation in all seinen Aspekten seriös zu erforschen und auf der Basis einer solchen Analyse verbindliche Leitlinien für den Eingriff festzulegen, überliess man die Formulierung der «denkmalpflegerischen Idee» (Programmtext) den Wettbewerbsteilnehmern selbst. Der Heimatschutz insistierte auf der Bedeutung des Gebäudes als einem Baudenkmal, das die gleiche Beachtung und den gleichen Respekt verdiente wie die wertvollen Bauten früherer historischer Epochen und wie diese möglichst authentisch erhalten werden sollte. Er forderte die Verantwortlichen auf, sich auf eine schonende Restaurierung zu verpflichten, bei welcher der Erhalt der historischen Substanz und nicht die für Neubauten entwickelten Normen die Erneuerung diktiert. Denn: Soll ein Gebäude als Dokument seiner Zeit überliefert werden, darf sich der Schutz nicht auf die Fassade beschränken, sondern hat alle original erhaltenen Elemente wie Fenster, Bodenbeläge, Oberflächen der Innenräume und auch scheinbare Details wie die Möblierung zu umfassen.

Unter den lediglich fünf Eingaben empfahl die Jury schliesslich das >Projekt «Weniger ist mehr» des Churer Architekten Pablo Horvàth, das auf einen dem Gesamtkunstwerk adäquaten integralen Erhalt hinzielte, zur Realisierung. Die Anregung des Bündner Heimatschutzes, den weiteren Prozess der Instandsetzung von einem Gremium externer, mit den spezifischen denkmalpflegerischen Fragestellungen bei Nachkriegsbauten vertrauten Fachleuten begleiten zu lassen, nahm der Kanton allerdings nicht auf. Im Frühling 2018, wenige Monate vor Baubeginn, sickerte durch, dass das Siegerprojekt im Laufe der Weiterbearbeitung in eine denkmalpflegerisch fragwürdige Richtung getrieben worden war. Zusammen mit allen bedeutenden schweizerischen Fachverbänden (SIA, BSA, Schweizerischer Werkbund, Vereinigung schweizerischer Innenarchitekten) liess sich der Bündner Heimatschutz vom Kanton über die geplanten Massnahmen informieren. Es sollte sich zeigen, dass der geforderte denkmalpflegerische Ansatz nur höchst selektiv und zudem nach willkürlichen Kriterien zur Anwendung kam, je nach persönlichen Vorlieben der Beteiligten sozusagen. Ein besonders sorgfältiges Vorgehen machte man bei der geplanten Betoninstandstellung aus, die auf eine punktuelle Reparatur statt eine Gesamterneuerung der Gebäudehülle zielte. Dahingegen nahm man mit Unverständnis den geplanten Totalersatz der historischen Fenster zur Kenntnis, obwohl diese mit geringem Aufwand instandgesetzt werden könnten. Besonders schwer aber wog die in Aussicht gestellte unsensible Kompletterneuerung aller Schülerzimmer mit der Zerstörung aller historischen Oberflächen und der zugehörigen Möblierung. Diese einschneidenden Massnahmen tangieren die Essenz des Baudenkmals. Im Anschluss an den «Runden Tisch» forderten die nationalen Fachverbände zusammen mit dem Bündner Heimatschutz die Bündner Regierung in Sachen Konvikt-Renovation öffentlich zu einem >Marschhalt auf. In der Neuen Zürcher Zeitung erschien daraufhin ein >kritischer Artikel des langjährigen Präsidenten der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege EKD, der den Verantwortlichen fachliche Ignoranz und mangelnde Sorgfalt im Umgang mit dem Baudenkmal vorwarf – und ihnen empfahl, «nochmals über die Bücher [zu] gehen und sich kompetent beraten [zu] lassen».

Die Einreichung einer Aufsichtsbeschwerde gegen die Hauptverantwortlichen des Debakels schien das letzte Mittel, den Kanton in letzter Sekunde noch zum Einlenken zu bewegen. Doch dieser zeigte sich immun gegenüber den Empfehlungen von Fachleuten mit nationalem und internationalem Renommee und wies die Beschwerde ab – aufhorchen liess allerdings die geradezu scheinheilige Bemerkung, wonach «offenbleiben [könne], ob die Instandsetzung anders hätte vorgenommen werden müssen, wenn es sich [beim Konvikt] um ein inventarisiertes Schutzobjekt handeln würde.»

Der Kanton hätte sich viel Geld und Ärger erspart, wenn er das Verfahren, wie vom Bündner Heimatschutz zu einem sehr frühen Zeitpunkt schon angeregt, auf das schützenwerte Objekt abgestimmt hätte. Die Instandsetzung des Konvikts hätte zu einem Leuchtturmprojekt im Umgang mit Bauten der Nachkriegsmoderne werden könne, der denkmalpflegerische Sorgfalt mit nutzungsmässiger Funktionalität und sparsamen Einsatz der Mittel verbindet. Es ist zu bedauern, dass der Kanton diese Chance nicht gepackt hat.

Hoher Situationswert

Wie ein tibetanisches Kloster «klebt» das Konvikt am Hang über der Churer Altstadt.

Wertvolles Interieur

Die von Otto Glaus subtil detaillierten und bis hin zur Möblierung ganzheitlich gedachten «Wohnzellen» sollten zu gesichtslosen Allerweltsräumen ohne jeden Bezug zum übrigen Gebäude um«gestaltet» werden.

Früh eingeschaltet

Seit 2013 setzte sich der Bündner Heimatschutz für eine denkmalgerechte Renovation des Churer Konvikts ein. Wiederholt ist der deshalb auch beim Regierungsrat vorstellig geworden (>mehr).

Publikation

Im >Bündner Monatsblatt 1/2013 geht der Architekturhistoriker Michael Hanak eingehend auf die architekturhistorische Bedeutung des Churer Konvikts ein (>pdf).

Architekturrundgang

Das Konvikt ist auch in dem von Leza Dosch verfassten Architekturrundgang zur Churer Nachkriegsmoderne vertreten (>mehr).

Auf der Roten Liste

Der Schweizer Heimatschutz hat den Fall Konvikt auf seine >Rote Liste gesetzt.