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Französische Villa in Mulegns

Das kleine Dorf Mulegns in Zentrum des Surses hat in den letzten Jahrzehnten praktisch keine Entwicklung erlebt und verfügt daher heute über eines der am besten erhaltenen Ortsbilder im Kanton Graubünden. Ortsbaulich bedeutendstes Ensemble – sowohl in städtebaulicher wie auch in architekturhistorischer und wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Hinsicht – ist die spätklassizistische Baugruppe um die Fallerbach-Brücke am südlichen Dorfausgang bestehend aus dem >Hotel «Löwe», dem Rothus und dem dazwischen liegenden Weissen Haus. Letzteres ist der älteste Bau der Gruppe. Er wurde 1856 durch J.A. Jegher errichtet, einem gewerblichen Emigranten, der in Bordeaux als Zuckerbäcker reüssiert hatte, bevor er sich in seinem neu errichteten Alterssitz in Mulegns niederliess. Wie andere Rückwanderer des 19. Jahrhunderts brachte auch Jegher seinen sozialen Aufstieg in seinem Heimatdorf durch einen repräsentativen Bau zum Ausdruck und stellte seine Weltgewandtheit durch den Rekurs auf ausländische, in der Heimat bislang unbekannte architektonische Modelle zur Schau. Entworfen hat seine Villa in Mulegns ein in Bordeaux tätiger bekannter Architekt, Jean-Baptiste Lafargue.

Seit jeher wird Mulegns von der Julierroute beherrscht. Zwischen 1834 und 1840 wurde diese wichtige transalpine Verbindung zur Kunststrasse ausgebaut. Ihr gewundener Lauf im Ortskern von Mulegns gehört zu den charakteristischen Eigenheiten dieser Strecke, die im >Bundesinventar der historischen Verkehrswege der Schweiz IVS als national bedeutend eingestuft ist. Paradoxerweise ist eben diese Verkehrsachse, der das Dorf seine Entstehung verdankt, heute dessen grösste Gefahr. Seit Jahren arbeitete der Kanton auf die Verflüssigung des Verkehrs im Engpass Mulegns hin. Dabei stand ihm das «Weisse Haus», wie die Villa Jehger auch genannt wird, buchstäblich im Weg.

Gegen den im Frühling 2018 lautgewordenen Plan einer Eliminierung des Gebäudes hat der Bündner Heimatschutz frühzeitig opponiert. Mit seinem Engagement für das >Hotel «Löwe» ist der Verein dem kleinen Ort in besonderer Weise verbunden. Und es besteht kein Zweifel, dass der Abbruch des Hauses eine empfindliche Wunde in den historischen Ortskern von Mulegns schlagen, ja die Morphologie des Dorfes recht eigentlich zerstören würde.

Um den Ortsbildschutzinteressen besser Rechnung zu tragen und um mögliche Alternativen zu einem Totalabbruch des Weissen Hauses zu eruieren, hat das Tiefbauamt im Spätsommer 2018 für die Gestaltung der neuen Ortsdurchfahrt in Mulegns unter vier Architekturbüros schliesslich einen Studienauftrag lanciert. Die im Wettbewerbsprogamm festgeschriebene Auflage, wonach im Engpass nordseits des Weissen Hauses das Kreuzen eines PWs mit einem Sattelschlepper möglich sein muss, bedingte allerdings zwangsläufig eine Aufweitung des Strassenquerschnitts in diesem Bereich. Damit zwingend verbunden ist das Antasten des Weissen Hauses, sei es durch Totalabbruch, Teilabbruch oder Verschiebung. Von den vier eingereichten Projekten sahen zwei einen Totalabbruch und zwei einen Teilabbruch des Gebäudes vor. Die Jury empfahl ein >Projekt zur Weiterbearbeitung, das einen Teilabbruch des historischen Gebäudes - geradezu euphemistisch «Anpassung» genannt - vorschlug. 

Gegen dieses Vorhaben hat der Bündner Heimatschutz in Rahmen der öffentlichen Auflage des Strassenbauprojektes im Spätherbst 2018 >Einsprache erhoben. Opposition kam auch seitens des Kulturfestivals Origen, das sich für die >Rettung von Mulegns engagiert und weit und breit die einzige Institution ist, die dem vom Aussterben bedrohten Dorf eine Zukunftsperspektive zu geben vermag.

Mitte April 2019 präsentierte Origen einen neuen Lösungsvorschlag: die Verschiebung des Gebäudes samt der Gewölbekeller um rund drei Meter von der Strasse weg Richtung Fallerbach. Der Kanton lenkte ein und zog das Gesuch um den Teilabbruch des Weissen Hauses zurück (>mehr).

Aus denkmalpflegerischer Warte ist die Verschiebung eines Gebäudes die ultima ratio in Fällen, wo der Erhalt eines Baudenkmals nicht anders gesichert werden kann. Denn das Denkmal ist in Entstehung, Weiterentwicklung und heutiger Wirkung bedingt durch seinen ursprünglichen Bauplatz und dessen Umgebung. Seine Entfernung vom ursprünglichen Standort kommt einer Entwurzelung gleich und ist unzweifelhaft als schwere Beeinträchtigung zu qualifizieren. Im Falle von Mulegns betrifft die Beeinträchtigung in besonderer Weise auch das Ortsbild selbst, wird doch mit der Verbreiterung der Strasse eine Schneise durch den Ort geschlagen und das Dorf eines seiner wesentlichen Charakteristika, des Engpasses eben, beraubt. Was nun als die schwerwiegendere Beeinträchtigung zu bewerten ist, die Teilamputation des Gebäudes oder dessen Verschiebung, darüber lässt sich streiten.

Tatsache ist, dass der Kanton von Beginn weg am Primat des Verkehrs festhielt und dem Ortsbildschutz geringere Bedeutung zumass, was in Bezug auf das Weisse Haus und den Ort als Ganzes zu Kompromissen zwang. Der Bündner Heimatschutz hat die mangelhafte Interessenabwägung denn auch stark kritisiert. Es ist allerdings ein Trost, dass sich mit Origen in Mulegns eine zugkräftige Institution engagiert, die ihre Sensibilität im Umgang mit historischer Bausubstanz genügend unter Beweis gestellt hat, und die dem Weissen Haus im Rahmen einer grossen neuen Idee für das Dorf eine sinnvolle Nutzung zu geben vermag.

Integral erhalten

Die bauzeitliche Ausstattung des Weissen Hauses ist integral erhalten. Beeindruckend ist besonders das für Graubünden aussergewöhnliche Treppenhaus.

Kunstwerk oder Haus?

Das Weisse Haus steht dem Verkehr buchstäblich im Weg. Ursprünglich plante der Kanton einen Totalabbruch des Gebäudes, danach dessen Teilamputation. Nun soll es verschoben werden.

>Südostschweiz, 20. November 2018


>RTR, Telesguard, 17. April 2019


>SRF 1, Regionaljournal GR, 17. April 2019